Der Deutsche Nachwuchsfilmpreis geht an:

Alles gehört zu dir

DE · 2023 · 13 min

directed by Hien Nguyen & Mani Pham Bui (2001)
written by Mani Pham Bui, Kimsa Nguyen, Bao Nguyen, Hien Nguyen, Tommy Vu Nguyen

Dieser Film hat uns emotional tief berührt. Er beeindruckt nicht nur durch die starken Aussagen seiner Protagonistin, sondern auch weil wir mit der Protagonistin in Echtzeit eine Reise der Selbsterkenntnis machen. Mit absoluter Ehrlichkeit wird eingeordnet, was es heißt, eine junge Frau mit Migrationsgeschichte — mit vietnamesischen Wurzeln — in Deutschland zu sein. Der Film bietet eine selten gesehene Perspektive — es tut fast körperlich weh, wenn die Protagonistin erzählt, dass sie in ihrer Jugend weiß sein und nicht mit vietnamesischen Freund:innen gesehen werden wollte, und wie sie versucht ihren Hintergrund zu verstecken. Das auszusprechen erfordert Mut und Vertrauen in den Filmemacher, der es schafft, mit seinem Film genau in den richtigen Momenten Gespräche und Emotionen einzufangen: z.B. wenn die Protagonistin den Imbiss des Vaters besucht, den sie früher vor ihren Freunden versteckt hat und uns hier ihre tiefsten Gefühle offenbart. So empfinden wir auch als besonders stark die Auseinandersetzung mit der eigenen Sicht auf die Eltern, die zugleich eine mit Klasse und sozialer Stellung ist, angeschoben durch die eigene Auslandserfahrung der Protagonistin. Der Film erzählt liebevoll das Bild einer ganz individuellen Familie, macht für uns ihren Alltag erfahrbar und macht doch klar, dass hier universelle Erfahrungen erzählt werden, die viele junge Menschen in Deutschland mit Migrationsgeschichte durchlaufen. Dieser Film gibt diesen Menschen ganz klar eine Stimme und schafft den ersten Schritt zur Heilung — und wir hoffen, die Stimme des Filmemachers auch in Zukunft zu hören. — Der Deutsche Nachwuchsfilmpreis geht an "Alles gehört zu dir" von Hien Nguyen und Mani Pham Bui. 

Kaugummi

DE · 2022 · 29 min

written & directed by Dascha Petuchow (1996)

Wir haben einen Film gesehen, der uns so ganz nebenbei und unaufdringlich eine Realität näher gebracht hat, die für viele Menschen in Deutschland Alltag ist, aber meist im verborgen schlummert. Eine Art Milieu-Geschichte, leise im heißen Sommer vor sich hin brutzelnd, aber laut im Protest. Gezeigt wurde uns ein bisschen Summertime Sadness gepaart mit dem Drang, das Leben erleben zu wollen. Der Freiheitsdrang, der den Verpflichtungen einer jungen Frau gegenübersteht und danach schreit, losziehen zu dürfen, aber nicht darf. Die schönen Bilder, die uns die Welt der Protagonistin näherbringen und uns zeigen, dass der Sommer manchmal lang, zäh und geschmacklos sein kann, aber dann eine unerwartete Wendung nehmen kann. Voller Leichtsinn, Euphorie und Abenteuer. — Der Deutsche Nachwuchsfilmpreis 2023 geht an "Kaugummi" von Dascha Petuchow!

Babyboy 

DE · 2023 · 48 min

directed by Jannik Weiße (1995)
written by Jannik Weiße, Dang An Tran, Maximilian Welker

Eine Inszenierung, die die Geschichte, die sie erzählen will, auf authentische und ehrliche Weise erzählt. Der Film hat uns in eine Zeit zurückversetzt, in der sich die Welt wie eine Menge Dinge anfühlte. Um nur ein paar davon zu nennen: überwältigend, beängstigend, kompliziert, schnell, aber auch hoffnungsvoll, bedeutungsvoll, aufregend und unentdeckt. Meistens waren diese Gefühle so ineinander verwoben, dass es schwer war, das eine vom anderen zu trennen. Der Regisseur schafft es, diese Themen auf eine so ehrliche Art und Weise zu erzählen und uns gleichzeitig in eine andere Welt voller Unsicherheiten und Ungerechtigkeiten zu entführen, die in unserer Gesellschaft oft übersehen werden. Er erzählt uns die Kämpfe des Erwachsenwerdens nicht nur aus der Perspektive des Jugendlichen, sondern auch aus der Perspektive der Menschen um ihn herum. Der Regisseur zeigt uns, wie schwer es ist, seine Rolle als junger Mensch in einer Gesellschaft zu finden, in der das Gefühl besteht, dass sie bereits für einen entschieden ist. Der Film fesselt einen von der ersten bis zur letzten Sekunde und bleibt seiner Erzählweise treu. Diese Authentizität, die wir in den Dialogen und im Spiel erlebt haben, wurde wunderbar unterstrichen durch das schöne Tempo, das im Schnitt geschaffen wurde, und die beobachtende Kameraführung, die uns das Gefühl gab, dass wir im selben Raum waren und uns genauso aufgeregt, verloren oder überwältigt fühlten wie der Protagonist. — Wir freuen uns auf alles, was von Jannik Weiße kommt und 'Der Deutsche Nachwuchsfilmpreis 2023' geht an "Babyboy".

The up-and-coming International Film Award goes to:

God Forbid

KE · 2023 · 17 min

directed by Yvan King Mukunzi (1998)
written by Kelvin Kibui Mwangi & Steven Ng'ang'a Gitau

This film tells a courageous story about systematic injustice and generational trauma set in the past while still sadly being current and relevant. The director showed courage, by putting this problem out in the open and telling his story, which is the story of many. The film starts a discussion that needs to be had, and we believe that this film can kickstart this. The film uses a combination of clever metaphors and open criticism, creating something that feels authentic and is unable to look away from. Showing us an exploited, post colonial world that was forced to adapt to an imported way of thinking and a generational conflict. The Film inspires and gives hope that the new generation might be able to recover from this trauma and find their voice again. After being taken and inspired by the film, the filmmaker took this to a new level when he shared his insights to this problem, which underlined the courage he’s shown by telling this story. We see a beautiful potential in Kelvin Kibui and can’t see a world where this is not worth supporting. We look forward to following his career, watching him develop and hearing his stories. — The up-and-coming International Film Award goes to "God Forbid” by Kelvin Kibui for his courageous and honest work on Christianity, the colonialist heritage and generational Trauma in Kenyan society. 

Hadis

AZ · 2023 · 9 min

written & directed by Nazrin Aghamaliyeva (1999)

Let's imagine that we want to live a completely normal life. What exactly does that mean? For a young woman anywhere in the world, this desire for freedom can put her life in danger. To deal with this topic in a movie requires civil courage. We have seen a very powerful film that has swept us away with its use of metaphors, strong images and powerful realization. This film exposes a system in a very clever way, in which women are denied their rights. It shows how political hair is and that it is only a small element that stands for a great oppression, for the exclusion of women from the public sphere. The metaphors the filmmaker uses are not only strong but creative - as she seemingly takes us into a fairytale world, where omnipresent crows are policing the streets and can do whatever they want. When they go through metamorphosis and transform back to their real shape, it’s revealed that it is humans (mostly men) who put themselves above everybody else and who are behind this institution that upholds the tyranny. In her last reveal the filmmaker shows us that this fairytale is as close to reality as can be - as she based it on the real story of a girl in Iran. The courage, will and courage of this young filmmaker has shown us what contribution we can make as filmmakers to draw attention to injustices. Thank you for that! — We award the up-and-coming International Film Award 2023 to Nazrin Aghamaliyeva moving animation movie HADIS.

Acid Base

IR · 2022 · 15 min

directed by Shirin Ekhlasi (1998)
written by Farshad Rezaei

This film is truly no easy fare, but a powerful cry for justice that touches both our body and soul. What makes it so gripping is not only the impressive technique of storytelling and direction, but the courageous decision to tackle a sensitive social issue. Using thriller and employing violent genre elements begs the question: to what extent are brutality and vigilante justice the right tools for the screen? But the film has its very own answer to this: Torture is used as a means of defence against torture.It is only through this violent arc of tension that it addresses a strong political agenda. Doing so, the filmmaker creates a unique type of escapism – a utopia as a coping mechanism for the powerlessness experienced in the face of real violence.

In memory of all the women who have suffered and continue to endure the harrowing acid attacks in Iran, this film deserves our sincere recognition. It stands as a powerful work that metaphorically embodies resistance to deeply entrenched patriarchal societal structures. — The up-and-coming International Film Award goes to director Shirin Ekhlasi and screenwriter Farshad Rezaei for their film ACID BASE.

Der Bundes-Schülerfilmpreis geht an:

Lobende Erwähnung / Special Mention

Catch up!

DE · 2023 · 11 min

written & directed by Anton & Justus Krämer (2003,2006)

Wenn der technische Wandel kommt, muss man Ideenreich sein - das verstehen die beiden Protagonisten dieses Films und beschließen, ihr altes Leben als illegale Musikhändler aufzugeben und in die große, gnadenlose Stadt zu gehen. Als wäre das nicht schon eine Reise für sich, lassen die Filmemacher eine spannende Parallelhandlung anlaufen und hetzen den Brüdern einen Ermittler auf den Hals und beweisen so Dramaturgisches Können. Die Geschichte unterhält uns mit einem Wechselspiel von Spannung und einem ausgezeichneten Gefühl für Slapstick, Humor und Timing. 

Ideenreich sind natürlich nicht nur die beiden Protagonisten des Filmes, sondern auch die beiden Filmemacher, die zwei Jahre an diesem Werk gearbeitet haben. Sie lassen ihre Figuren durch eine unglaublich detailreiche Welt laufen, die aus Städten, Straßen, Club, Office und noch vielen weiteren Locations besteht, die kreativ, witzig und zugleich realitätsnah sind. Und beweisen so immer wieder ihre Beobachtungsgabe. Sie lassen Wassertropfen auf dem Fell abperlen und überraschen uns an jeder Ecke des Sets mit neuen, ideenreichen Details. Beispielsweise, wenn die Bären aus der Bar kommen und wir eine Wand mit Plakat und Kritzeleien sehen. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes Millimeterarbeit. Wir möchten hier eine beeindruckende Arbeit und handwerkliche Leistung prämieren, die großes für die deutsche Stop Motion Zukunft verspricht. Besonders erwähnen möchten wir auch das ausgezeichnete Filmische Verständnis der Filmemacher: Nicht nur waren Sets und Figuren unglaublich, sie zeigen auch durch Kamerafahrten durch ihre Sets, Schnitt, selbstgemachte Musik und ein Konzept für die ausgedachte Sprache, dass sie alle Mittel des Stop Motion Genres beherrschen. —Der Bundes-Schülerfilmpreis geht an "CATCH UP" von Anton und Justus Krämer.

Wasserbären-Boy (Waterbear-Boy)

DE · 2022 · 25 min

directed by Cornelius Baum (2004)
written by Kasper Rafn, Cornelius Baum

Ultraskurriler Klamauk? No fucking way. Hier weiß die Regie genau, was sie tut: Vollkommen frei von filmischen Normen schießt sie kraftvoll einen scharfsinnigen Kommentar nach dem nächsten aus der Hüfte. Klimaaktivismus und Selbstfindung werden subtil, aber nicht nebensächlich verhandelt und werden stets mit parodierten Hymnen auf unsere popkulturellen Erbschaften verwoben. Wir wurden über die gesamte Länge von fast 30 Minuten durch eine kluge Dramaturgie auf eine Heldenreise mitgenommen, die nicht nur von ihren Figuren lebt. Sie überzeugt mit Cast und Crew und dem Einsatz enorm spielerischer, visueller Effekte, die das Potenzial für ganz großes Unterhaltungskino zeigen. Wir lieben und loben diese ungezwungene Kreativität und wollen unbedingt mehr davon: WIR. WOLLEN. WASSERBÄREN-BOY! Eine lobende Erwähnung sprechen wir daher aus an Regisseur Cornelius Baum.

Border Conversations

DE · 2022 · 30 min

written & directed by Jonathan Brunner (1996)

Aktivismus. Aktivismus ist oft der Kampf gegen übermächtige Windmühlen. Ein Kampf für den man viele Opfer bringen muss. Ein Kampf, bei dem man oft an einen Punkt kommt, an dem man sich selbst fragt: warum und wofür mache ich das alles? Und wenn man dann wie in dieser Dokumentation sieht wie Menschen, trotz aller äußeren und inneren Widerstände, dennoch weitermachen, dann merkt man, dass es einen Unterschie macht, wenn man manchmal vielleicht auch nur einem Menschen (oder über 900 wie in diesem Film) hilft!

Filmemachen kann auch eine Form des Aktivismus sein. Die Filmemacher dieses Films haben ihre Kamera genommen, weil sie ein Thema für uns Zuschauer spürbar machen wollten. Ein Thema, das mittlerweile oft nur noch in bürokratischen Euphemismen wie „Obergrenzen“ oder Floskeln wie „man kann ja nicht alle aufnehmen“ geführt wird. Und sie haben einen Film gedreht, der berührt, der die Kraft hat, seinen Zuschauer anders aus dem Kino herausgehen zu lassen, als er hineingegangen ist. Und wenn man das bei nur einem Menschen schafft, dann ändert man vielleicht nicht gleich die ganze Welt, aber man macht einen kleinen, vielleicht langsam wachsenden, Unterschied.

In der Kategorie „Deutscher Nachwuchsfilmpreis 2023“ sprechen wir eine lobende Erwähnung an den Film „Border Conversations“ von Jonathan Brunner aus, der uns durch starke, kunstvolle, aber gleichzeitig auch zurückhaltende Bilder unmittelbar spürbar macht, dass die sogenannte Flüchtlingskrise in Wirklichkeit eine humanitäre Krise ist, bei der Menschen auf beiden Seiten eines Zauns in einer Welt, in der oft eine unmenschliche Politik regiert, versuchen menschlich zu bleiben und somit die Welt ein klitzekleines bisschen besser machen.

Pickles

DE · 2023 · 3 min

written & directed by Oleksandra Krasavtseva (1995)

In 3 Minuten erzählt uns dieser Film eine klare und wichtige Geschichte. Eine Geschichte über Nachbarinnen, die vieles gemeinsam haben und dann doch irgendwann und plötzlich durch brutale, äußere Umstände voneinander getrennt werden.

Präzise, klar und ausschließlich mit filmischen Bildern zu erzählen, ist eine hohe Kunst, die die Filmemacherin dieses Films definitiv beherrscht. Sie benutzt die Form des Animationsfilms, um uns (auch mit Humor) von Freundschaft und aufgezwungener Feindschaft, von medialer Manipulation, Krieg und von der verbindenden und rebellischen Kraft der GURKEN oder im englischen „PICKLES“ zu erzählen. 

Eine lobende Erwähnung in der Kategorie „Deutscher Nachwuchsfilmpreis 2023“ geht an Oleksandra Krasavtseva für ihren Film PICKLES.

May 2000

RU · 2023 · 17 min

written & directed by Kirill Sultanov (1997)

Art is the only form of Communication in which you can talk about things without talking about it. And the filmmaker of this film makes a masterful use of this form, because this film looks into the past and yet tells something powerful and important about the present.

In wonderfully composed and clear pictures the filmmaker tells us a story about first love, but more importantly about anger, fear, loss, fleeing, imprisonment and hopelessness. This is not just a masterfully made short film, we also feel that this is a film that tries (to reach over to the other side and tries) to say: here is a youth who doesn‘t agree with what‘s happening, who can‘t really make a difference, but at least tries to. But the film doesn‘t say this with words, he says is with the language of cinema. — A special mention in the categorie up-and-coming-international film award goes to MAY 2000 by Kirill Sultanov.

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